Pressestimmen zu:
Das Weiße Album
Ein Konzert mit Live-Musik Ein großer Spaß
Augsburg (DK) Wenn die Besucher schon vor Beginn des Stücks auf der Toilette „Ob-La-Di, Ob-La-Da" summen, dann muss es ein guter Abend werden. Wird es auch. Obwohl man selbst am Schluss nicht recht weiß, was das eigentlich war: Das „Weiße Album" von den Beatles auf der Bühne des Großen Hauses in Augsburg, deutsche Texte von Roland Schimmelpfennig.
Untertitel: Ein Konzert. Inszenierte Songs, das ist ein bisschen so etwas wie der gespielte Witz. Aber die sind manchmal gut, und dann ist das alles, wie in Augsburg, ein unendlicher Spaß.
Am Anfang herrscht das Chaos der Revolution: geworfene Schuhe, zerbrochene Teller, Gekreische und Geklapper, die Instrumente sind Elektrorasierer, Wassereimer, Akku-Bohrschrauber und noch ein paar seltsame Geräte. „Revolution 9", John Lennons Collage, machen Wiebke Puls und Tom Stromberg zum Prolog ihrer Inszenierung: Eine avantgardistische Klang-Installation mit Figuren. Von dort spannt sich der Bogen bis zu „Revolution 1" am Schluss, bei der die Bühne voller Statisten ist und alle auf Holzgitarren mitschrummen. Dazwischen, zwischen Avantgarde und Rock'n'Roll, sind die Songs der legendären Doppel-LP zu Hause. Das „Weiße Album" ist das stilistisch abwechslungsreichste der Beatles, auch deswegen, weil sie 1968 schon mehr nebeneinander als miteinander spielten. Puls und Stromberg stehen der Kreativität von George, Paul, John und Ringo in nichts nach. Sie suchen nicht nach einer Geschichte, wie man sie bei einem Konzept-Album wie „Sgt. Pepper" erzählen könnte, sie machen aus jedem Song eine eigene Geschichte: oft schräg, manchmal wild, manchmal poetisch, leise und nachdenklich, meist ironisch gebrochen. Mit den Beatles hat das mitunter nur noch wenig zu tun, aber das macht nichts, denn für Puristen ist das Konzert auf der Theaterbühne sowieso nichts, und die anderen verzeihen selbst die deutschen Texte, auch weil Roland Schimmelpfennig bei seinen Übertragungen die schlimmsten Peinlichkeiten vermieden hat.
Puls und Stromberg machen mit Volker Hintermeier (Bühne/Kostüme) und der famosen Band unter der Leitung Adrian Siebers die Song-Revue zu einer kreativen Wundertüte, die die unendliche Vielfalt der Beatles-Song kongenial aufnimmt. Klaus Müller ist ein abgehalfterter Sheriff („Rocky Rangoon"), das Ensemble wird zu krakeelenden Kindern („The Continuing Story of Bungalow Bill") oder zu einer Horde Affen „Everybody's Got Something To Hide Except Me An My Monkey"), beim traurigen Song vom schwarzen Vogel erleuchten illuminierte Vogelkäfige die Bühne („Black Bird"), „Why Don't We Do It In The Road" ist eine wilde Videofahrt durch Augsburg, dann fliegt Lucy Wirth hoch über der Bühne „rauf und runter" („Helter Skelter") und so weiter und so weiter bis die Besucher a cappella mit den besten Wünschen nach Hause verabschiedet werden („Good night").
Fast erstaunlicher als die Ideenvielfalt dieses ganz eigenen Gesamtkunstwerks: Wie famos die Schauspieler sich als Sänger schlagen und welch großen Spaß sie offensichtlich am dauernden Rollenwechsel haben: Ob Judith Bohle, Olga Nasfeter, Lea Sophie Salfeld oder Lucy Wirth, ob Florian Innerebner, Thomas Kornack, Klaus Müller oder Ulrich Rechenbach - zusammen mit Myung-Hwa Wiede (Piano), Mick Lopac (Gitarre), Martin Schmid/Ulrich Fiedler (Bass), Harald Alt (Schlagzeug) und Adrian Sieber (Gitarre) sorgen sie dafür, dass die Frage, ob man gerade ein Theaterstück oder ein Konzert genossen hat, oder wie man das, was da gerade alles auf Bühnen passiert ist, nennen mag, völlig irrelevant ist. Schade nur, dass das „Weiße Album" bloß 30 Songs hat.
Berndt Herrmann, Donaukurier, 17. April 2012
Beatles-Stück am Theater
Das „Weiße Album" hatte in Augsburg Premiere. Und die gelang gut.
Der rote Vorhang hebt sich, ein paar Lichtinseln schimmern im Dunklen - ein Wimmelbild in Schwarz ist als Ouvertüre zu diesem Konzert mit Live-Musik im Großen Haus des Augsburger Theaters zu sehen. Gegeben wird „Das weiße Album". Begonnen wird mit dem sperrigsten, dem gewagtesten, dem wildesten Stück: Revolution No. 9. Ein Tonexperiment, das im Original schon lang ist und an diesem Abend in der Inszenierung von Wiebke Puls und Tom Stromberg noch länger dauert.
Zu sehen ist eine Frau in Abendgarderobe, die in einem Anfall von Hysterie immer wieder einen Schuh ins Nichts schmeißt, zu sehen ist ein Mann in Abendgarderobe, der - gefangen in einer absurden Sequenz - immer wieder seinen Kopf in einem Wassereimer versenkt, zu sehen ist eine Frau, die sich aus einem Kokon knallbunter Kleider befreit und periodisch einen Teller fallen lässt. Zu hören ist eine Klang-Collage, in der die Band das Blubbern, das Knallen und das Scheppern mit einzelnen Gitarrenriffs der folgenden Stücke unterlegt. Es sind die Lieder des Beatles-Albums, das nach seinem weißen Cover benannt ist, des Albums, das sich durch einen wilden Stilmix auszeichnet, des Albums, in dem sich das Ende der Band unmerklich ankündigte. Ein großes Album, ein widersprüchliches Album, also ideal für die Bühne.
Puls und Stromberg pressen dem Abend keine verbindende Dramaturgie auf, sie inszenieren die einzelnen Songs jeweils anders. So unterschiedlich die Stile der Lieder sind, so gegensätzlich sind die Bilder, die das Regieteam und der Bühnenbildner Volker Hintermeier dafür gefunden haben; große Bilder mit Licht- und Leuchteffekten, mit Überraschungen, Witzen und Wendungen. Mal blenden haushohe Scheinwerfer-Lichttürme das Publikum, auf denen die Band platziert ist, mal regnet es Tischtennisbälle, mal ist der Himmel verhangen mit Vogelkäfigen, während unten das Lied „Blackbird" gesungen wird. Und schließlich geht es auch noch in die Luft: Lucy Wirth fliegt in hoher Geschwindigkeit als dunkler Engel am Bühnenhimmel umher, während sie „Helter Skelter" anstimmt, was in der deutschen Schimmelpfennig-Übersetzung zum prosaischeren „Rauf und runter" wird.
Das Gute-Laune-Konzept der Regisseure geht auf. Das Publikum wird nicht mit Sinnsuche, postmoderner Dramatik und Gesellschaftskritik zu Nachdenklichkeit angehalten, sondern zum Schwelgen. Nicht einmal die Lautstärke dieses Rockkonzerts bereitet Unbehagen. Und nach der widerspenstigen, gelungenen Ouvertüre reiht sich ein Beatles-Evergreen an den anderen.
Auch wenn in mancher Übersetzung das Subtile durch das Offensichtliche ersetzt wurde, die starke Band und das starke Ensemble lassen Unbehagen nicht aufkommen. Es regiert die Kurzweil. Die Musiker unter der Leitung von Adrian Sieber bereiten den Darstellern ein felsenfestes Fundament; die acht Schauspieler - bis auf wenige wackelige Stellen - straucheln nicht, vielmehr meistern sie auch gesanglich schwierige Stellen. Vom großen Gefühl in den Balladen bis zur Chanson-Persiflage mit französischem Akzent vermitteln sich ihre Leidenschaft und ihre Lust, die dem „Weißen Album" sehr viel Farbe geben. Langer, begeisterter Applaus und zwei hinreißende Zugaben!
Richard Mayr, Augsburger Allgemeine, 16. April 2012
Ob-La-Di mit Zuckermaus
Wiebke Puls und Tom Stromberg bringen in Augsburg das 'Weiße Album' der Beatles auf die Bühne
Augsburg - Der Vorhang geht auf - und es ist schön. Acht Schauspieler sitzen oder stehen im großen Raum der Bühne verteilt, auf Podesten und auf dem Boden. Sieben tragen schwarze Anzüge und weiße Hemden, eine muss ihre Abendgarderobe erst unter einem Wust von bunten Klamotten hervorschälen. Vor jeder und jedem steht oder liegt ein Notenständer, und tatsächlich machen sie auch Musik. Mit einem Elektrorasierer oder indem einer seinen Kopf in einen Wassereimer hält und darin herumblubbert. Ein Akkuschrauber sirrt, es gibt viel Pling und manches Plang. Obwohl jeder der Schauspieler eine hübsch durch jeweils einen Spot ausgeleuchtete Insel ist, obwohl die Geräusche so absichtslos wie zufällig erscheinen, setzt sich langsam aus den Verrichtungen, manchen stur wiederkehrenden Verhaltensauffälligkeiten und einigen Satzfetzen etwas zusammen, was vielleicht nicht unbedingt ein Lied, aber doch irgendwie ein musikalischer Vorgang ist.
Zwar glaubt man nach etwa einer Viertelstunde, da kommt jetzt nichts mehr, das geht einfach immer so weiter. Aber doch erkennt man, was der komplizierte, durchchoreographierte Vorgang abbildet: Es ist das Lied 'Revolution 9', das vorletzte auf dem 'Weißen Album' der Beatles. Schon im Original ist es eine Unverschämtheit, eine grandiose Klangcollage, eine Hommage der Beatles an das eigene Schaffen, eine Kakophonie der Welt, wüst und jede bis dahin (November 1968) bekannte Vorstellung, was ein Song in Gehalt und Struktur sein könnte, sprengend. Im Original dauert das Lied lang, auf der Bühne dauert es länger, aufgesplittert im Raum, zerdehnt, erforscht, zum performativen Sinnbild des ganzen Albums erhoben, auf dem alle möglichen populären Musikstile gleichberechtigt nebeneinanderstehen.
Dann setzt die Band ein, und was toll war, wird furios.
Im Februar 2010 kam man am Schauspiel Frankfurt auf die Idee, das 'Weiße Album' der Beatles auf die Bühne zu bringen. Nicht auf Englisch, sondern auf Deutsch. Die Texte übersetzte Roland Schimmelpfennig, was ihm mal klug, mal gut, mal ein wenig albern gelang.
Nun beschloss man am Stadttheater Augsburg, auch so einen lustigen Beatles-Abend haben zu wollen. Und fragte dafür jemanden, der sich mit Musik auf der Bühne ziemlich gut auskennt: Wiebke Puls. Da die jedoch als Schauspielerin an den Münchner Kammerspielen gut ausgelastet ist, holte sie sich einen Kompagnon für die Umsetzung: Tom Stromberg. Der hatte ohnehin noch eine Rechnung mit der Stadt offen, sein Vater war dort zehn Jahre Intendant gewesen, er selbst hatte fünf Jahre dort gelebt, bis ihn jugendlicher Furor, beseelt von einem von frühester Kindheit an aufgesogenen norddeutschen Liberalismus, von dannen trieb. Da passt es ganz gut, zurückzukehren mit einem Album, nach dessen Erscheinen die Popmusik eine andere war. Als Stromberg ins Augsburger Theater kam, begrüßte ihn die Sekretärin der Intendantin Juliane Votteler mit 'Hallo Tom' - sie war schon da, als der junge Tom seinen Papa bei der Arbeit besuchte.
Stromberg und Wiebke Puls kennen sich seit der Zeit, als er Intendant des Hamburger Schauspielhauses war, sie dort über die Bühne fegte und beide ein paar Jahre miteinander verheiratet waren. Stromberg: 'Wenn es um singende Schauspielerinnen geht, gibt es keine bessere.' Und: 'Ich verstehe nichts von Musik, arbeite aber gern mit Leuten, die etwas davon verstehen.' Das sind in Augsburg die prima Band unter Adrian Sieber und eben Frau Puls.
Wiebke Puls war anfangs durchaus skeptisch, traf dann mit Stromberg zusammen die acht Darsteller - und deren Energie überzeugte sie. Tatsächlich könnte man mindestens die Hälfte davon sofort mit einer Band auf Tour schicken; viele der 29 Lieder gelingen umwerfend - so zumindest der Eindruck nach der Hauptprobe drei Tage vor der Premiere.
Sorgsam führten Puls und Stromberg das Haus an seine Grenzen. Puls wollte keinen musikalischen Verwässerungsabend im Stile Wittenbrinks, wollte keine holpernde Geschichte anhand der Musik erzählen, sondern ein Konzert inszenieren. Das gelingt prächtig: verrückt, ironisch, zärtlich, immer wieder sehr lustig und auch als ganz große Show. Die deutsche Sprache sorgt für eine gewisse Verfremdung, dito manches Arrangement der Band, so dass man die Musik oft hört wie beim ersten Mal. Natürlich findet keine Revolution mehr statt, das machen die jungen Leute heute nicht mehr. Aber Lucy Wirth, Dieter Dorns verzagt-trotziges Käthchen, als schwarzen Todesengel in luftiger Höhe über die Bühne segelnd und singend zu erleben, das bringt immerhin das Gemüt in Aufruhr.
Egbert Tholl, Süddeutsche Zeitung, 15. April 2012

