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Pressestimmen zu:

Peter Weiss

Die Ermittlung

Oratorium in 11 Gesängen Reinwaschprogramm
Theater Augsburg: Heike Frank inszeniert das Dokumentardrama
„Die Ermittlung" von Peter Weiss im Schwurgerichtssaal des Alten Justizpalastes

Augsburg - Es geht los mit einem Zeichentrickfilm aus den 1950er Jahren. Er wirbt für Persil. „So weiß möchte ich auch wieder sein", bittet darin ein zerknirschter Pinguin einen Matrosen, der gerade an Bord eines Schiffes Wäsche wäscht. Sein Bauchgefieder ist ganz dreckig. Nachdem der Matrose einmal kräftig mit der Bürste drüber gegangen ist, erstrahlt es wieder weiß. Sodann kommt ein Heer von singenden Pinguinen heran gewatschelt: „Unsere weißen Westen verdanken wir Persil."
Die Verwendung historischer Persil-Werbung ist der erste einer Reihe von Regieeinfällen, mit denen Heike Frank das 1965 uraufgeführte Dokumentardrama „Die Ermittlung. Oratorium in elf Gesängen" von Peter Weiss zu einer subtilen, intensiven und unbedingt sehenswerten Inszenierung macht. Sie eröffnet einen Assoziationsraum, der das Stück, bekanntlich ein „Konzentrat" (Weiss) aus Aussagen des Frankfurter Auschwitz-Prozesses, in seinen historischen Kontext stellt.
Erst Ende der fünfziger Jahre begann die Bundesrepublik mit der Strafverfolgung von NS-Verbrechen. Den Auftakt bildete 1958 der „Ulmer Einsatzgruppenprozess". Es folgten: die Gründung der Zentralstelle für die Verfolgung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg und der Auschwitz-Prozess, der im Dezember 1963 als Verfahren „gegen Mulka und andere" begann und im August 1965 mit der Urteilsverkündung gegen die verbliebenen 17 Angeklagten endete.
Die Gründe für das jahrelange Schweigen sind vielfältig, die eingespielte Persil-Werbung deutet einige an. Die fünfziger Jahre, das war die Zeit des Wirtschaftswunders, des Rückzugs ins Private, des Kaufs von Staubsaugern und Waschmaschinen. Kurz: Die Zeit des Großreinemachens. Reingewaschen hatte sich ja bereits die Mehrzahl, unter anderem mit den sogenannten Persilscheinen, die nach dem Krieg aus vielen mutmaßlichen NS-Straftätern unbescholtene Bürger machten. So waren fast sämtliche Nazi-Juristen nach 1949 wieder in Amt und Würden. Ein weiterer Grund für die stark verzögerte Strafverfolgung.
Heike Frank wählte als Aufführungsort den Schwurgerichtssaal des Alten Justizpalastes. Er wird noch immer genutzt und liegt schräg gegenüber dem Großen Haus. Der Ort mit seiner nüchtern-kühlen Atmosphäre ist für „Die Ermittlung", das durch die Verwendung ausschließlich authentischen Materials als das Dokumentarstück schlechthin gilt, natürlich richtig gewählt. Gleichwohl haben wir es mit einem Theaterstück zu tun, was kein Widerspruch ist. Die Regisseurin folgt hier Peter Weiss. Dieser entgegnete seinen Kritikern, die ihm bereits die Gliederung des Materials als Inkonsequenz auslegten: „Wenn das dokumentarische Theater versucht, sich von dem Rahmen zu befreien, der es als künstlerisches Medium festlegt, (...) so wird es doch zu einem Kunstprodukt, und es muss zum Kunstprodukt werden, wenn es Berechtigung haben will."
Und so machte der Werbefilm, der auf der Leinwand läuft, ebenso Sinn wie die weiteren, stets mit Bedacht und niemals um des Effekts willen eingesetzten Regievorgaben. Da tragen Schauspieler zeitweise T-Shirts mit dem Konterfei der Angeklagten, etwa des sadistischen SS-Oberscharführers Wilhelm Boger oder des dreist lügenden Lageradjutanten Robert Mulka. Oder es wird Zarah Leanders „Davon geht die Welt nicht unter" von dem zwei Stunden lang konzentriert agierenden Ensemble angestimmt - er war einer der erfolgreichsten Schlager jener Jahre aus dem Propagandafilm „Die große Liebe". Jeder der acht Schauspieler übernimmt einmal den Part des Richters und des Staatsanwalts, schlüpft zudem in die Rollen diverser Zeugen und Täter.
Es ist beinahe fünfzig Jahre her, seitdem der Auschwitz-Prozess stattgefunden hat. Er kann als Durchbruch in der Aufarbeitung der NS-Verbrechen gelten. Vor allem die junge Generation begann danach, ihre bohrenden Fragen zu stellen. Heute gehört das Gedenken an den Holocaust zum festen Bestandteil des öffentlichen Lebens in der Bundesrepublik. Mit all seinen Widersprüchen. Heike Frank zeigt an einer Stelle Interviews mit Schülerinnen, die die Gedenkstätte Auschwitz besuchen. Eine berichtet von der Hysterie, die unter den Besuchern ausbrach, als sie den Fußballer David Beckham im Krematorium erblickten. Da wurde geschubst, um Autogramme gebettelt. Und der Ort millionenfachen Mordens war auf einmal zur Nebensache geworden.

Florian Welle, Süddeutsche Zeitung, 5. Oktober 2011



Premiere der „Ermittlung" im Schwurgerichtssaal

Das Theater Augsburg brachte „Die Ermittlung" Montagabend an einem authentischen Ort zur Premiere.

„Normal war das unmittelbare Bevorstehen des eigenen Todes." - „Ich persönlich hatte gar nichts gegen diese Leute." - „Er aß zuletzt seine Schuhe auf." - „Die Menschen waren ineinander verkrallt, die Haut war zerkratzt, viele bluteten aus Nase und Mund." - „Wir alle haben nichts als unsere Schuldigkeit getan."

Aussagen von Zeugen und Angeklagten aus dem Frankfurter Auschwitz-Prozess (1963-1965), wie sie nun über zwei Stunden lang wieder in einem Gerichtssaal zu hören, zu ertragen sind. In einem Prozess geht es um Details. Wer, was, wann, wo, wie? Schmerzhafte Genauigkeit statt Verallgemeinerungen. Wie war das: die unfassbare Grausamkeit und höllische Bürokratie der Mordmaschinerie, die völlige Wehrlosigkeit der Opfer, die Sinnlosigkeit und Entmenschlichung des Sterbens, das Leiden und das Leugnen, die Profitgier hinter dem Vernichtungsprogramm, die Ignoranz der Täter, Mittäter, Mitläufer, Befehlsempfänger . . .?
Das Theater Augsburg hat für die Aufführung des dokumentarischen Stücks „Die Ermittlung" von Peter Weiss die Bühne verlassen. Und einen angemessenen, authentischen, vielleicht den einzig richtigen Ort gefunden für diese notwendige Zumutung: den alten Schwurgerichtssaal im Justizpalast. Dort wurde in den 1950er Jahren auch gegen NS-Verbrecher verhandelt. Das aus Aussagen und Protokollen des Auschwitz-Prozesses meisterhaft montierte und verdichtete Stück, das Peter Weiss aktuell im Jahr der Urteilsverkündung 1965 vorlegte, ist in der Regie von Heike Frank weniger eine Inszenierung denn eine Vergegenwärtigung geworden.
Und was für eine: eine Aufführung, mit der sich das Theater als erste Aufklärungsinstanz beweist. Nicht auf bloße Betroffenheit, sondern auf Erkenntnis zielt diese Erinnerungsarbeit. Manchmal ist die Stille im Saal so aufgeladen, dass man kein Atmen mehr hört. Wohin mit dem, was da ausgesprochen wird? Wegstecken kann man das nicht.

Die Wucht des Ungeheuerlichen

Und das ist eine weitere Erfahrung dieses außergewöhnlichen Premierenabends: Auch 46 Jahre nach der Urteilsverkündung in Frankfurt und nach Dekaden der Aufarbeitung des Vernichtungsterrors steckt in der „Ermittlung" die unmittelbare Wucht des Ungeheuerlichen, das nicht verjähren oder vergehen kann. Gastregisseurin Heike Frank - 2002 bis 2007 Chefdramaturgin am Schauspiel Köln - zeigt mit den hervorragend agierenden vier Schauspielerinnen und vier Schauspielern, wie man dieses Stück, „Konzentrat" eines Prozesses, das Täter mit Opfern konfrontiert, meisterlich in der Wirkung entfaltet und ihm ja „gerecht" werden kann.

Sparsam dosierte Emotion, kein falscher Ton, ständiger Wechsel der Rollen: Frauen spielen Männer, Angeklagte sind im nächsten Moment Zeugen, Opfer oder Anwälte, der, der eben der Richter war, spricht jetzt einen Täter. Dadurch bekommen die Aussagen den Wert einer gleichsam „höheren Wahrheit", weil es um die Fakten, nicht um Identifikation mit Personen gehen soll.

Mit dem Einsatz von Videokameras, die von den Schauspielern bedient werden, weitet Frank die Perspektive des Publikums. So sind Akteure in Großaufnahme zu sehen, die den Zuschauern eigentlich den Rücken zukehren. Die Leinwand an der Stirnwand des Saales hinter dem Richterpult ist dezent, aber wirkungsvoll eingesetzt. Das beginnt schon eingangs, wenn dort ein munterer, entlarvender Werbefilm aus der Wirtschaftswunderzeit läuft. Es geht um ein Waschmittel und um Reinheit, um „weiße Westen". Verdrängen, Verschweigen, „Persilscheine" ausstellen: Es ist dieser Geist der Nachkriegszeit, auf den Peter Weiss damals traf. Für ihn ist Auschwitz „die Ortschaft, für die ich bestimmt war und der ich entkam". 1964 hat Peter Weiss den Schreckensort besucht. „Ein Lebender ist gekommen, und vor diesem Lebenden verschließt sich, was hier geschah", schreibt er. Zu dieser Zeit hatte er schon mehrfach dem Frankfurter Prozess beigewohnt und Material für ein Stück gesammelt. Aber erst der unmittelbare Eindruck von Auschwitz gab den Anstoß, sein Projekt als „Oratorium in 11 Gesängen", als Abfolge des Wegs von der Rampe ins Gas zu strukturieren.

„Die Angeklagten lachen", heißt es immer wieder im Text. Diese Haltung der Täter, die sich im Auschwitz-Prozess allesamt hinter Ahnungslosigkeit, Ausreden, Befehlen und Dienstpflichten verschanzten, bringt Heike Frank in einer expressiven, verstörenden, albtraumhaften Szene zum Ausdruck. Da wird der Schwurgerichtssaal plötzlich zur Karnevalsbühne, es wird geschunkelt und gesungen, die Angeklagten spielen Richter und verhöhnen Opfer, prustend vor Lachen geht's weiter im Text: „Wie haben Sie die Häftlinge getötet?" - „So wie es Vorschrift war . . ."
Schlussstrich also? Nein. Spielt „Die Ermittlung“ weiter, spielt sie noch 100 Jahre, spielt sie immer.

Michael Schreiner, Augsburger Allgemeine, 3. Oktober 2011


Gerichtsspiel

Das Augsburger Theater, im Schauspiel Opfer politisch verschuldeter Ortlosigkeit mit ungewissem Ausgang, ist nun auf das gegenüberliegende Justizgebäude als alternative Spielstätte ausgewichen. Am Tag der deutschen Einheit wurde in Heike Franks Inszenierung das fast vergessene Stück „Die Ermittlung" von Peter Weiss aufgeführt. Dieses „Oratorium in 11 Gesängen" konzentriert die Frankfurter Auschwitz-Prozesse, die 1965 zu Ende gingen; noch im selben Jahr wurde das Stück in Ost- wie Westdeutschland an diversen Theatern parallel uraufgeführt. In der Augsburger Neuinszenierung wird die Zeit der Prozesse und des Dramas Teil der Aufführung. In kurzen Zwischenfilmen gibt es dokumentarische Informationen zu dem Prozess oder in diesem Zusammenhang tragikomische Persil-Zeichentrick-Werbung aus der Zeit mit dem Tipp, wie man zu einer „weißen Weste" kommt. Kurz wird auch eine Brücke ins Heute geschlagen, wenn Schüler (in und nach der Pause) per Filmeinspielung von ihrem Aufenthalt im ehemaligen Konzentrationslager berichten.

Ansonsten spielen die acht Schauspielerinnen und Schauspieler die Sprechrollen des Stückes im Ton einer Gerichtsverhandlung in einem gegenwärtigen Gerichtssaal nach, wechseln die Rollen und damit auch die Seiten zwischen Gericht, Anklage, Verteidigung und Zeugenstand und filmen sich dabei gegenseitig. Solch ein Format mit alternativem Schauplatz und dokumentarischen Texten wird heutzutage eher mit Laien inszeniert; die Schauspieler haben wenig Möglichkeiten zu glänzen. Zwar wird die Stilisierung des Textes (schon durch den Aufführungsort) verwischt, und die Mischung der ästhetischen Mittel bleibt etwas unklar; so wirkt ein einmaliger Ausbruch in Richtung skurriler Horror-Gerichtshow mit einem Flirt zwischen Richter und Angeklagtem so deplatziert wie isoliert. Dennoch schafft es die Inszenierung sowohl das Grauen des Vernichtungslagers als auch den moralischen Selbst-Betrug der Angeklagten (die auch noch Jahre nach dem grausamen Massenmord behaupteten, nur ihren Pflichten nachgekommen zu sein) dem Publikum nahe zu bringen.
Die Darsteller werden zu Transporteuren erschütternder Einsichten. So sehr die Inszenierung vermeidet, Stellung zu beziehen, lassen sich an den abscheulichen Geschehnissen in Auschwitz - die Vergasungsanlage erscheint da schon fast als Gnadenakt der weniger grausamen Art der Vernichtung - menschliche Abgründe an seelischer Verwahrlosung und moralischer Bequemlichkeit zeigen. Damit entsteht zugleich eine Ahnung davon, wie auch heute noch in Norwegen, Irak oder Syrien Menschen hemmungslos quälen können. Insofern ist diese „Ermittlung" ein großer Theaterabend.

Detlev Baur, Die Deutsche Bühne, 5. Oktober 2011