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Pressestimmen zu:

Heinrich von Kleist

Der zerbrochne Krug

Ein Lustspiel Die Lüge im Spiegel


Augsburg (DK) Das ist nicht komisch. Der gute Ruf eines Mädchens steht im Feuer, die Justiz ist korrumpiert, und einer jungen Liebe droht das Scheitern.

In seiner Inszenierung von Heinrich von Kleists „Der zerbrochene Krug" am Theater Augsburg hat sich Regisseur Markus Trabusch klar entschieden: Ohne den komödiantischen Anteil auszusparen, konzentriert er sich auf den tragischen Gehalt des Lustspiels, das andernorts auch schon mal als derber Schwank auf die Bühne kommt. Bei der Premiere im Großen Haus ging diese Rechnung auf.
Der Dorfrichter Adam war es selbst, der den titelgebenden Krug zerbrach, als er - Entdeckung fürchtend - aus dem Fenster Evchens floh. Als Evchens Mutter vor Gericht einen Schuldigen für die Zerstörung von Krug und Tochterehre sucht, sitzt der Täter selbst als Richter vor ihr. Mit Erpressung hat er das Mädchen gefügig gemacht, droht, ihren Verlobten dem sicheren Tod als Soldat preiszugeben. Klaus Müller gibt dem Dorfrichter das rechte Maß an Verschlagenheit, List und Bauernschläue, verleiht ihm immer gerade so viel Überzeichnung wie nötig, ohne ins Kalauern zu kommen. Genau diese Balance hält die Inszenierung, bei der dem Publikum irgendwann schwant, dass hier kein schenkelklopfendes Amüsement zu erwarten ist. Grund zu lachen gibt es trotzdem, schließlich ist der banale Kern des Kummers doch nur ein Haufen Scherben.
Auf der Bühne zeigt sich ein doppelt und dreifaches Spiel aus Lügen und Intrigen, das Marc Bausback sinnfällig in ein Bühnenbild übersetzt: Er schafft einen zweiten Raum, der entweder bespielt werden kann oder hinter einer Spiegelwand verschwindet, die die Zeugen vor Gericht noch nackter dastehen lässt, als es die hochnotpeinliche Befragung schon tut. Und nicht nur die Zeugen werden inspiziert, auch der Richter wird vom Gerichtsrat höherer Instanz unter die Lupe genommen. Flankiert wird das mit akustischer Verfremdung (Musik: Adrian Sieber): Zu den wenigen Ausstattungsgegenständen gehören mehrere Lautsprecher, die mit Mikrofonen verbunden sind. Ein Großteil der Texte wird dort hineingesprochen - das Private wird öffentlich, das Schicksal zur Rolle. Schlüssig greift das alles ineinander. Neben dem präsenten Klaus Müller ist vor allem Alexander Drakow als alert-opportunistischer Gerichtsschreiber ein komödiantisches Vergnügen, und Sarah Bonitz zeigt, dass die mitunter wenig dankbaren Zarte-Mädchen-Rollen mit Anrührung gespielt werden können. Allein etwas mehr Tempo hätte der Aufführung an mehr als einer Stelle gut getan.

Zeitgenossen hielten dereinst den „Zerbrochenen Krug" zwar für ein literarisch wertvolles, wegen seiner Dramaturgie für das Theater aber ungeeignetes Werk. Goethe zufolge sollte es besser dem „unsichtbaren", also nicht gespielten Theater angehören. Auch Goethe kann irren, wie Markus Trabusch mit der gelungenen Spielzeiteröffnung gezeigt hat. Übrigens sorgte für einen der zauberhaftesten Momente des Abends eine Besucherin. Als der Dorfrichter - passend zum Namen - kurz im Adamskostüm zu sehen war, entfuhr ihr ein so damenhaftes, doch weithin hörbares „Huch", dass man meinte, selbiges wäre bei der Uraufführung vor 200 Jahren geschehen.

Carina Lautenbacher, Donaukurier, 3. Oktober 2011



Theater Augsburg
Scherbengericht für Adam
Kleists Lustspiel-Klassiker „Der zerbrochne Krug" auf feuerroter Bühne


Es sind nur ein paar Scherben in einer Plastiktüte. Doch dieser zerbrochene Krug, Gegenstand einer Gerichtsverhandlung, fliegt wie ein Sprengsatz in die Dorfgesellschaft und erschüttert alles. Am Ende ist viel mehr kaputt als hübsches Steingut: Autorität, Loyalität, Vertrauen.

Zwar kommt die Wahrheit noch ans Licht, obgleich der Prozess der Wahrheitssuche vom Dorfrichter Adam nach Kräften als Prozess der Verschleierung betrieben wird. Auch Selbstgerechtigkeit wird entblößt. Etwa die Selbstgerechtigkeit der Mutter Marthe Rull, die ihre Tochter Eve zu verstoßen bereit ist; die Selbstgerechtigkeit des ungestüm Liebenden Ruprecht, der in seiner Wut eben diese Eve verletzt. Gerechtigkeit aber? Da gackern ja die Hühner. Sie bleibt eine Illusion.

Augsburgs Schauspieldirektor Markus Trabusch inszeniert das vor über 200 Jahren geschriebene Lustspiel Heinrich von Kleists nicht als naturalistisches bäuerliches Sittengemälde mit Holz und Speck und Landgeruch der niederländischen Provinz, sondern holt die Figuren in unsere Zeit. Er belässt die Szenerie aber in artifizieller Unbestimmtheit. Seine Regie ist solide dienend, nicht kühn deutend. Einen überraschenden Zugriff auf den Stoff erlebt das Premierenpublikum im Großen Haus des Theaters Augsburg nicht.

Verhandelt wird das wohlbekannte Scherbengericht mit seinem Gezänk und Gezeter auf einem knallroten, leeren Podest, das als Bühne auf der Bühne schräg vorn an der Rampe vor einem aquariumähnlichen Riegel steht. Die Scheibe wird zum Spiegel und doppelt das Geschehen. Ein Spiegel der Erkenntnis? Ein wenig wirkt die intime Bühne (Marc Bausback) wie ein Fernsehstudio, zumal die Akteure auf Lautsprecherboxen sitzen und gelegentlich in Mikrofone sprechen. Geschickt betont Trabusch den Dualismus des (Prozess-)Theaters im Theater.

Die Beteiligten sind auf Augenhöhe und agieren nebeneinander, aufgehoben ist die klassische Hierarchie des Gerichtssaals: Richter oben, Volk unten. Der Dorfrichter und der Gerichtsrat aber tragen immerhin Pelz als Zeichen der Würde und Macht (Kostüme: Katharina Weißenborn). Rot wie die Kulisse ist der Anzug, in dem der klumpfüßig humpelnde Dorfrichter Adam („Zum Straucheln braucht's doch nichts als Füße") steckt. Rot, so viel merkt man, steht für Emotion, Scham, Trieb, Blut, Hölle, Gefahr.

Gleichwohl kommt das Stück auf dieser feuerroten Bühne zunächst schwer auf Temperatur. Zu verhalten, unbeseelt und statisch bleibt das Premierenspiel in der ersten Hälfte der zwei Stunden - trotz wummernder Bässe, die die Scheibe vibrieren lassen. Die Feinheiten in Kleists Sprache, pointiert, bissig, verspielt, witzig, doppelbödig, dringen nur schwer durch. Manches geht unter, anderes kommt nicht zur Entfaltung. Was am wenigsten am rackernden Klaus Müller als verschlagenem Dorfrichter liegt. Er, der sich ganz zu Anfang gar im Adamskostüm zeigt und in seiner Nacktheit noch Arglosigkeit und selbstgewisse Unangreifbarkeit demonstriert, ist in seinem raffiniert-durchtriebenen, geschmeidig-skrupellosen, verzweifelt-grotesken aber eben aussichtslosen Kampf gegen die Wahrheit ein Vollblutmensch.

Er flüstert, er tobt, er umgarnt und droht. Ein Lüstling und Lügner, ein Erpresser und Verblendeter von maßloser Dreistigkeit, dem man aber nicht ohne Sympathie durch sein irres Lügengespinst folgt, in dem sogar der Teufel willkommen ist. Immer neue Finten und Winkelzüge, ein fast animalisches Gespür, das ihn Gefahr wittern und immer wieder aus der Falle entwischen lässt, der unbedingte Einsatz für die eigenen Interessen - Klaus Müller gibt großartig diesen allzu menschlichen Widerling, der jeden kleinen Triumph der Unwahrheit als Befreiungsschlag auskostet und dabei kaum bemerkt, dass ihm doch die Regie in seinem Gerichtstheater mehr und mehr entgleitet. Der nicht wahrnimmt, dass er längst erkannt ist und sich die Schlinge um seinen Hals zuzieht.

Von der Stille nach dem Lachen

Adams Schreiber Licht (Alexander Darkow), der den Dorfrichter gerne beerben würde, ist in Augsburg ein berechnender Opportunist, ein serviler Ehrgeizling und generalsekretärhafter Justizbeamter, der publikumswirksam, aber zu eindimensional und ein wenig hampelmannartig agiert. Ute Fiedler gibt die Marthe Rull energisch, vornehm und unterkühlt, sie scheint mit ihrer Rolle jedoch zu fremdeln.

Souverän und gelassen, mit wachsendem Interesse am Gebaren der Leute, betrachtet der aus der Stadt ins Dorf gekommene Revisor Walter (überzeugend: Tjark Bernau) die Geschehnisse in einer Welt, in der Regeln anders ausgelegt werden. „In Eurem Kopf liegt Wissenschaft und Irrtum geknetet, innig, wie ein Teig zusammen; mit jedem Schnitte gebt Ihr mir von beidem." Justiz ist Menschenwerk.

Walter erahnt Adam früh als den Mann, der nachts in Eves Kammer eindrang, sie nötigte und überstürzt, Scherben hinterlassend, flüchtete - doch um der Staatsautorität und des Rufs der Justiz wegen ist er zunächst bereit, die Wahrheit zu opfern. Dass am Ende Adam entlarvt ist, geht allein auf das Konto von Eves (Sarah Bonitz). Sie ist die tragische Schlüsselfigur in dieser Komödie.

Sie bricht ihr Schweigen, erträgt das Verleugnen der Wahrheit nicht mehr, löst sich vom Druck des Dorfrichters, der ihr halb erpresserisch Verschonung des Verlobten vor tödlichem Soldatenauslandseinsatz in Aussicht stellte - und dafür einen hohen Preis forderte des Nachts in der Kammer. Bonitz, neu am Theater Augsburg, beeindruckt mit Eves Schlussmonolog (den Kleist einst selbst weggekürzt hatte, Regisseur Trabusch aber spielen lässt). Stille im Theater, wo man zuvor noch gelacht hat über die von der Zeugin Frau Brigitte (belebend: Christine Diensberg) geschilderte Flucht des klumpfüßigen Teufels mit der Richterperrücke...

Freundlicher Applaus.

Michael Schreiner, Augsburger Allgemeine, 3. Oktober 2011