Pressestimmen zu:
Max FrischBiedermann und die Brandstifter
Ein Lehrstück ohne Lehre Biedermann und die Brandstifter: kurzer ProzessDieser Abend ist vielleicht fünf Minuten alt, da hockt Schmitz, der Ringer, der hereingeschneite Obdachlose, brettlbreit auf dem zentralen Stuhl des wohlsituierten Hausherrn Biedermann. Schmitz frisst, schmatzt, trifft Dispositionen zur Anbahnung einer gemeingefährlichen Freundschaft, und Biedermann, dieses Kaninchen vor der Schlange, nickt ab. Die Verhältnisse sind also schnell klar in Augsburgs Komödie, die in Sachen Brandschutz ja auch kein flammendes Vorbild abgibt.
Karsten Schiffler hat Max Frischs "Biedermann und die Brandstifter" ziemlich flott inszeniert. Das ist kein Drahtseilakt zwischen einer bösen Ahnung und der guten Hoffnung, dieser Albtraum im Hause Biedermann möge zum Schluss hin noch eine unerwartete, originelle Wendung nehmen. Schiffler macht keine Umstände, und die Brandstifter machen kurzen Prozess. Die Aufführung gerät kompakt, effektvoll, saftig - bis hin zu einem Hauch Boulevard: Wenn Schmitz den Senf glasweise auf seinen Teller lädt, geht das Publikum großartig mit. Und es folgt nicht völlig unerwartet die Regisseurs-Abstempelung des Polizisten zu einem Deppen, dann die sich anbiedernden proletarierhaften Rotzeleien Biedermanns und der gedehnte Vampirkuss Eisenrings.
Benzinfass-„Ballett" auf die Mondscheinsonate
Liegt die Sache aber so, muss man auch mancher Zwischentöne, mancher Signalsätze entbehren. Der Chor der Feuerwehrmänner entfällt und wird - in Stichworten - dem vergeistigt-dichtenden Dramatiker Frisch an der Seite der Bühne in den Mund gelegt (Philipp von Mirbach). Diese Entscheidung ist verschmerzbar. Auch der Epilog in der Vorhölle ist stark gerafft - ebenfalls verschmerzbar. Aber es geht in dieser Regie so hurtig dahin, dass nicht einmal Platz bleibt für jenen Halbsatz der Frau Biedermann, der bemerkenswert wäre zum zeitbezogenen Verständnis dieses starken Stückes. Sie sagt über ihren Gatten: „Und kaum war er in der Partei -." Hier klingt mit einem Gongschlag an, worauf Frischs Brandstifter-Parabel auch zielt: Aus Angst vor materiellem Verlust und Tod begeht Biedermann Selbstmord - indem er sich den Nazis anschloss.
Zudem ist ein giftiger Aspekt des Stücks die - gestrichene - kleine Rolle des dritten Brandstifters, eines „Dr. phil.": In ihm wird dargestellt der Intellektuelle an sich, der (fast) alles durchschaut, doch bequem sich 'raushält. Mehr als die Kraft zur Distanzierung bringt er nicht auf - auch ein hübscher Spiegel, den Max Frisch dem Publikum vorhält.
Aber so brandernst wollte Schiffler in der schlichten, betont funktionalen Bühnenausstattung von Bettina Weller offenbar nicht wirken - ihm liegen das arge Lustspiel, die infame Farce, die drastische Groteske, das rasche Feuerwerk näher. Und in dieser Hinsicht sind gelungene szenisch-akustische Höhepunkte: das Benzinfass-„Ballett" auf Beethovens Mondscheinsonate, der fantasievolle Einsatz von Johnny Cashs „Ring of fire" und der Bühnenknall, wenn die ganze Sache hochgeht.
Direkt und stracks agieren die Schauspieler: Martin Herrmann als ein halb geschmeichelter, halb erschreckender Biedermann, der sich durch stetes Kopfwackeln selbst Mut verschafft; Alexander Koll als kolossal selbstsicherer, kolossal unverschämter Schmitz; Ute Fiedler als kreuzbrave Babette Biedermann; Anton Koelbl als mephistophelischer, unterwürfiger Eisenring, Olga Nasfeter als herumgeschubstes Dienstmädchen Anna. Nach 90 Minuten animierter Applaus.
Augsburger Allgemeine, 22. März 2010, Rüdiger Heinze
Wir Biedermänner, wir Brandstifter
„Kein Lehrstück" hat Max Frisch unter den Titel seines 1958 uraufgeführten Bühnenstücks „Biedermann und die Brandstifter" geschrieben. Um dann doch ein irgendwie klassisches Lehrstück folgen zu lassen. Premiere am Samstag in der Komödie: Man ging auch der Frage nach, warum Lehrstücke immer zu spät kommen - und deshalb keine sein können.
Biedermann heißt so, weil er einer ist. Martin Herrmann gibt ihn vor dicken weißen Säulen, die seine Welt und seine Vorstellungen zu tragen scheinen, am weißen Tisch, auf weißen Stühlen, im weißen Anzug - die demonstrative Unschuld (Bühne: Bettina Weller). Am Stammtisch glänzt dieser Spießer mit seinen Prinzipien, zum Beispiel dem, dass Brandstifter allesamt „aufgehängt gehören." Wenn allerdings bei ihm zuhause einer von ihnen anklopft und um Unterkunft bittet - dann wird die Sache schwierig. Er wird so lange nachgiebig sein, sich Honig um den Bart schmieren und kopfwackelnd seine welterfahrene Menschlichkeit loben lassen, bis Welt in Brand steht.
Bei der Uraufführung 1958 boten sich zur Interpretation des Stückes zwei Kontexte an: Das Emporkommen der Nazis konnte gemeint sein, ebenso aber auch die Machtpolitik der Kommunisten in Osteuropa. Die Augsburger Inszenierung des 50jährigen Regisseurs Karsten Schiffler geht solchen Einordnungen konsequent aus dem Weg: Sein Biedermann und dessen Frau Babette (Ute Fiedler, gekonnt kleinbürgerlich schwankend zwischen ängstlich-herzkrank und erotisch affizierter Bewunderung der Gewalt) können die schwankend Halt suchende Mittelschicht jeder modernen Gesellschaft repräsentieren. Zwischen Gutmenschentum und Aufgeklärtheit hat man vor allem den eigenen Vorteil im Blick, will man es sich nicht verderben mit den Brandstiftern, derweil man die Angestellten schulterzuckend in den Selbstmord treibt. Ach ja, auch die Unterschicht ist vertreten: Das Dienstmädchen (Olga Nasfeter) rümpft die Nase, schüttelt den Kopf, zittert vor Furcht - und tut seine Arbeit.
Intellektuelle Hilflosigkeit, knallharte Gegenspieler
Den von Frisch aus dem antiken griechischen Theater übernommenen „Chor" reduziert Schiffler einleuchtend auf den Autoren selbst. Dieser sitzt, grüblerisch-versunken dargestellt von Philipp von Mirbach, seitlich zur Bühne und tippt seinen Text in die Schreibmaschine: weise Einsichten des Schriftstellers, die seinem Geschöpf doch nicht weiterhelfen, selbst als dieses zufällig mal vorbeikommt. Biedermann braucht einen Anwalt, keinen Literaten, will nichts wissen von feingeistiger Erkenntnis - knallhart demonstrieren Schiffler/Frisch die Hilf- und Wirkungslosigkeit des Intellektuellen.
Knallhart und direkt sind auch die Gegenspieler: Bravourös macht Alexander Koll als Ringer und Brandstifter Schmitz schon rein körperlich glaubhaft, dass man sich bei ihm schnell eine gebrochene Schulter holen kann - und doch kommt seine Brutalität ohne jeglichen Krafteinsatz aus, besteht nur aus Dreistigkeit und Selbstbewusstsein. Sein Freund Eisenring (mit teuflischer Spiellust: Anton Koelbl) stellt nicht zufällig ein mephistophelisches Grinsen deutlich zur Schau: Er ist der Teufel und am Ende trotzdem ganz machtlos - in der Hölle schmoren seine Opfer, während seine „Kunden" auch nach dem Tod von ganz oben protegiert werden. Gemeinsam gehen die beiden Zündler so schlau wie unverfroren zu Werke: Die Fässer, die sie fröhlich auf Biedermanns Dachboden hieven, sind ordentlich mit „Benzin" beschriftet, Biedermann selbst ist es, der ihnen die Streichhölzer für den finalen Weltenbrand zur Verfügung stellt. Das geht wie am Schnürchen in der rasanten Inszenierung, da ist kein Halten, da geht es zähneklappernd dem unvermeidlichen Ende zu. Gerade noch hat Biedermann vom „Aufhängen" geredet, Minuten später mitmenschlich Obdach geboten, kurz darauf ein fulminantes Abendessen zur Besänftigung angeboten - die Übeltäter sind unbeirrbar, die Dinge nehmen ihren Lauf, vermeidbar und doch Verhängnis. Biedermanns Beschwichtigungsversuche, möchte man meinen, galten wohl gar nicht den Brandstiftern, sondern immer dem eigenen Wissen um das Nahen der selbst verschuldeten Katastrophe.
Zündhölzer zu verkaufen ...
Also doch ein Lehrstück - über die allzu menschliche Hilflosigkeit zwischen den Horrornachrichten des Alltags, der permanent unausweichlichen Entwicklung hin zum Schlechten, der Allmacht des Bösen? Ein Blick in die Zeitung genügt, um zu verstehen, warum Frisch „kein Lehrstück" schreiben musste: Weil es kein Lernen gibt. Wozu denn darüber grübeln, was an Schlimmem droht - „es kommt ja doch, Herr Biedermann!", sagt der Brandstifter. Da verkaufen wir, Biedermänner und Brandstifter in einem, doch lieber Zündhölzer, Viel Beifall für zeitlos-unterhaltsamen Tiefsinn, reizvoll-spannend verpackte Selbsterkenntnis.
DAZ, 22. März 2010, Frank Heindl

