Theater Augsburg Logo
Archiv

Pressestimmen zu:

Herr Puntila und sein Knecht Matti

Bertolt Brecht

Mit Brecht in die Vollen: Volksstück unter Dampf

Puntila, der reiche Gutsherr, hat zwei Gesichter: Ist er betrunken (und das ist er meist), ist er jovial, sentimental und ein Menschenfreund. Ist er nüchtern, ist er herrschsüchtig, rücksichtslos und ein Menschenschinder. Zwei Seelen ach offenbart auch Bertolt Brecht als Schöpfer des 1948 uraufgeführten Volksstücks „Herr Puntila und sein Knecht Matti"

Premiere "Herr Puntila und sein Knecht Matti"
Brecht schwelgt in dem lebensprallen Drama im volkstümlich Deftigen und Derben, er führt genüsslich Trunkenheit, Liebesreigen und Begierden vor und lässt es menscheln. Der Puntila sei „kein Tendenzstück", erklärte Brecht - und doch geht es ihm natürlich auch in dieser Komödie um gesellschaftliche Herrschafts- und Machtverhältnisse, um die Klassengegensätze, die Abhängigkeit, Ausbeutung und Willkür hervorbringen.

Der amerikanische Regisseur Jay Scheib (*1969) setzt in seiner einfallsreichen Augsburger Inszenierung des Puntila auf die komische Seite. Der in den USA mehrfach ausgezeichnete New Yorker interessiert sich nur mäßig für die Chose mit dem Kapitalismus und dem Proletariat. Konsequent also, dass er die Szene auf dem Gesindemarkt, wo der gönnerhafte Puntila sich abhängige Tagelöhner ausguckt, fast auslässt. Die Figur des roten, kommunistischen Waldarbeiters Surkkala und dessen Rolle in Brechts Vorlage wird eher beiläufig übergangen.

Scheibs Spiel in finnischer Mittsommernacht ist vitales, körperbetontes, handfestes Theater, das in die Vollen geht. Bei Brecht gewesen, gelacht. Monotone Rockmusik und Kameras sind als Gefühlsverstärker eingesetzt. Brecht goes „you tube": Videotechnik zeigt den Zuschauern die Schauspieler simultan zum Bühnengeschehen frontal, nah und oft verzerrt wie Türspionbilder auf einer großen Leinwand. Diese zweite Ebene überzeugt aber nur teilweise (wie bei angehaltenen Bildern oder in der großartigen Schlussszene mit Matti und Fina auf blauer Matratze), wirkt oft unmotiviert.

Slapstick, Grimassen, Budenzauber, Gepolter: Scheib macht mit seiner multimedialen Revue offensive Ausflüge ins Boulevardeske. Im Tumult flüchtet da ein nur in Unterhose bekleideter Matti mitten hinein zwischen die Zuschauer im Parkett. Das macht Laune - Szenenapplaus. Und der Puntila, auch er in Unterhose, steht mehr als einmal da wie ein begossener Pudel, wenn sein Knecht ihm eimerweise Wasser über den Kopf schüttet.

Dies geschieht in der Sauna, die auf der Augsburger Drehbühne (Susanne Hiller) so etwas wie das Zentrum im Karusselltreiben darstellt. Es geht heiß her und es dampft. Und ist nicht die Sauna eine schöne Chiffre für die Wechselbäder des Lebens - auf Puntilas Gut und überhaupt? Auf die Erregung folgt die kalte Dusche. Auf Rausch folgt Ernüchterung. Gefühl liegt im Wettstreit mit Kalkül. Anziehung und Ablehnung liegen im ewigen Clinch.

Klaus Müller verausgabt sich als Puntila. Er küsst und tätschelt die Frauen, er fraternisiert und streitet mit Freund und Feind, er säuft alle unter den Tisch, er tobt und lebt seine Landdekadenz exzessiv aus. Das hat Charme und bühnentaugliche Durchschlagskraft. Gleichwohl schwächelt dieses berauschte Energiebündel Puntila ein wenig auf der nüchternen Nachtseite seines Wesens. Die Seelentiefe, das Gefährliche, Rohe und Vulgäre, bleibt unterentwickelt.

Müllers Gegenüber Toomas Täht ist ein anfangs etwas blasser, unbedarft wirkender Chauffeur Matti, der als Gegenspieler Puntilas nicht souverän genug, abgeklärt genug wirkt. Er entwickelt sich aber im Verlauf des Spiels zu einem überzeugenderen Widerpart.

Seine besten Szenen hat Täht im Flirt mit Eva (Christine Diensberg), Tochter Puntilas, die der Vater nüchtern an den gut gestellten Attaché, trunken aber lieber an Matti vergeben will. Eva will Matti - doch so viel ehrliche Zuneigung und Romantik scheitern am Ende dann doch an den Klassengegensätzen und dem pragmatischen Realitätssinn Mattis, der das Menscheln der Begüterten als Laune erkennt.

Starker Premierenapplaus für unterhaltsame zweieinhalb Stunden und ein Ensemble, das auf der Bühne wie vor der Kamera (hervorzuheben: Ute Fiedler als Fina) gleichermaßen spielfreudig agiert. Was könnte besser zum kommenden Festival unter dem Titel „Brecht und Film" passen als diese Aufführung? Sie sagt uns: Kommt nur, Brecht ist süffig. Und auf der Bühne erwartet euch kein kopflastiges Thesenpapier aus dem Zeitalter der Schreibmaschine, sondern eine flotte Revue aus der „you tube"-Welt.

Augsburger Allgemeine, Michael Schreiner

 

Saufen für die Menschlichkeit
Premiere I: Brechts „Puntila" im Großen Haus

Drei Tage schon säuft der Gutsbesitzer, als Brechts Drama vom Herrn Puntila und seinem Knecht Matti einsetzt. Drei Tage schon säuft er und fürchtet den Moment, da er wieder „sternhagelnüchtern" sein wird und „zurechnungsfähig". Das ist schlimm, denn: „Ein zurechnungsfähiger Mensch", weiß Puntila, „ist ein Mensch, dem man alles zutrauen kann." In keinem anderen Drama hat Brecht seine Sicht von der Dialektik der Menschlichkeit so witzig zum Ausdruck gebracht, wie im „Puntila". Am Freitag war Premiere im Großen Haus.

Betrunkenes Rumpelstilzchen: Klaus Müller als Gutsbesitzer Puntila
Nur im Suff, so lautet die Moral, kann der Ausbeuter Mensch sein. Nüchtern dagegen muss er an seinen Vorteil denken und ist daher eine Gefahr für die Allgemeinheit. Beweise dafür liefert das Stück haufenweise: Denn unter dem Einfluss von flaschenweise Aquavit hat Puntila geradezu kommunistische Ideen. Wehe aber, kaltes Wasser und starker Kaffee entfalten ihre verderbliche Wirkung: Dann muss seine Tochter, dem gesellschaftlichen Aufstieg zuliebe, einen tölpelhaften Diplomaten heiraten, dann werden die Untergebenen kujoniert, die „Roten" vom Hof gejagt. Und der Chauffeur Matti, eben noch ein „Bruder", ein „Mensch", ein „Freund", wird des Diebstahls bezichtigt.

Bertolt Brecht hat für den 1940 im finnischen Exil geschriebenen „Puntila" als einziges seiner Dramen den Begriff „Volksstück" gewählt. Und Regisseur Jay Scheib, im Hauptberuf Theaterprofessor in Massachusetts, macht diesen Begriff zum Programm: Schon zu Anfang brettert der betrunkene Gutsbesitzer mit seinem „Studebaker"-Wagen durch die Wand ins Wohnzimmer, später bringt sich ein pudelnasser, nur mit Unterhosen bekleideter Matti quer über die Stuhlreihen des Publikums vor seinem jähzornigen Herrn in Sicherheit; und der Puntila darf nach Herzenslust auf alle „Weiberärsche" klopfen, die in seine Reichweite kommen. Das ist oft nah am Boulevardtheater und macht einen Riesenspaß.

Menschenfreund und Leuteschinder

Durch die Wand: Tochter Eva (Christine Diensberg) bei Papas Heimkehr
Klaus Müller mag man, seiner Statur wegen, anfangs für nicht ganz die richtige Besetzung des Gutsbesitzers halten. Den Puntila hatte man sich bisher als großen, korpulenten, schwitzenden Herrn mit Doppelkinn vorgestellt. Müller ist kleiner als alle um ihn herum. Aber ist das nicht auch der Puntila? Bald schon zeigt ja das Stück, dass auch er durchaus nicht Herr im eigenen Hause ist. Der Probst und der Richter sind größer und wissen ihre Macht auszuspielen, wenn ihnen der Trunkenbold in seiner Menschlichkeit zu weit geht. Rührt vielleicht auch daher sein Alkoholkonsum? Muss er sich womöglich auch deshalb aufführen wie ein irr gewordener Kobold, wie ein Rumpelstilzchen kurz vorm Platzen? Müller schafft den Übergang vom Menschenfreund zum Leuteschinder ohne Verrenkung, zeigt bravourös, wie nahe die zwei Seelen des Puntila beieinander liegen und warum der kapitalistische Ausbeuter, der er ist und bleiben muss, in beiden Rollen nicht glücklich werden kann, und sorgt mit überbordender Energie dafür, dass der verzweifelter Suffkopf vom ersten Moment alle Sympathie des Publikums genießt.

Toomas Täht als „Knecht" Matti hat's da schon schwerer, Gehör beim Publikum zu finden. Auch ihm legt Brecht ja eine Menge bedenkenswerter Erkenntnisse und Bonmots in den Mund - seine Rolle ist regelrecht dafür geschaffen, die geringe Haltbarkeit von Puntilas Versprechungen zu demonstrieren, seinen Pathos als Phrase zu entlarven und ihn mit dem gesunden Chauffeursverstand zu konfrontieren. Denn der sagt ihm, dass Herr und Knecht nie Freunde sein können. Und Matti hat auch ein gesundes Gespür für die Unmöglichkeit einer Ehe mit Puntilas Tochter Eva, die dieser ihm in einem seiner menschlich-trunkenen Momente anbietet (als unerfahren-dumme höhere Tochter, als burschikos-intrigant aufbegehrende Zwangsverlobte, als bemüht-unfähige Hausfrau gleich überzeugend: Christine Diensberg).

Glänzende Akteure, fragwürdige Projektionen

Vom Menschenfreund zum Leuteschinder: Puntila duscht sich nüchtern, während Fina (Ute Fiedler) und Matti (Toomas Täht) die Folgen erörtern
Solche Momente, die wichtigen, die, auf denen es Brecht ankam - sie kommen zu kurz. Jay Scheib hat die Lacher auf seiner Seite und das schwungvoll Umwerfende einer tollen, atemlosen, vom Anfang bis zum Schluss mitreißenden Inszenierung. Aber dass das Gelächter bei Brecht im Dienst der Erkenntnis steht, geht zwischen explodierenden Scheinwerfern und spritzenden Bierdosen oft verloren. Da helfen auch die Video-Projektionen nicht, mit denen Scheib arbeitet. Ein Gesichtsausdruck, sagt Scheib, könne vieles zum Ausdruck bringen, was sonst auf der Theaterbühne nicht zu vermitteln sei. Und so sehen wir die Akteure sich vor Kameras verrenken, die ihre Mimik auf eine große Leinwand übertragen. Misstraut Scheib der Wirkungskraft des Stücks? Oder der seiner Schauspieler? Letztere haben das nicht verdient. Neben Puntila, Matti und Eva agieren auch Eberhard Peiker als seriöser Richter, der gern mal einen hebt, und Tjark Bernau als tumb herumhampelnder Attaché glaubhaft und ausdrucksstark. Zusätzliche Glanzpunkte setzt die aufgewertete Rolle des Stubenmädchens Fina: Sie darf auch die - von Brecht als Lieder konzipierten - Zwischentexte sprechen, und Ute Fiedler sorgt hier für erdenschwer-sarkastische Tiefe. Wozu also der technische Aufwand? Scheibs Videos machen gelegentlich vorn auf der Leinwand das sichtbar, was sich im jeweiligen Hintergrund der von Susanne Hiller mit Sauna und Gutsherrnwohnung ausgestatteten Drehbühne tut. Doch die Bühnenaufbauten sind klar, licht und durchlässig - da wären auch andere Lösungen möglich gewesen.

V-Effekt im falschen Moment

Verfremdungseffekte? Brechts Theatertheorie fordert sie: Wir sollen jederzeit wissen, dass wir im Theater sind, sollen in keinem Moment das Spiel mit der Wirklichkeit verwechseln. Ganz am Ende, Matti verlässt das Gut, verabschiedet sich von Fina, wird's rührselig. Und damit es nicht zu rührselig wird, dürfen wir sehen, wie Ute Fiedler als Fina nicht wirklich weint, sondern sich für die bessere Wirkung Wasser in die Augen reibt. Der Moment ist großartig gespielt und die Kamera holt ihn ganz nah ran. Allerdings tritt dafür einmal mehr die Brecht'sche Botschaft in den Hintergrund. Denn genau in diesem Moment fasst Matti seine Erkenntnis und die „Moral" des Stücks zusammen: dass der Knecht den guten Herrn erst finden kann, wenn die Knechte ihre eigenen Herren sind.

Eine mitreißende, in vielerlei Hinsicht überzeugende Inszenierung, eine hinreißend agierende Schauspielertruppe -vielleicht war das ein wenig zu überwältigend. Ganz dem Sog des Theaters hingegeben, hatte man sich fesseln lassen, klatschte man begeistert und aus vollem Herzen, wie der allergrößte Teil des Publikums. Die Skepsis kam erst später: Brecht hat viel bekommen - er hätte noch etwas mehr verdient.

DIe Augsburger Zeitung, Frank Heindl